Officium der Madonna – Stundenbuch des Jean Boudichons

Die Gebetspraxis der Mönche und Nonnen in den Klöstern und Stiften, so auch im Reichsstift Vilich, richtet sich im frühen Mittelalter nach der römischen Tageseinteilung.

Daraus entwickelt sich das Brevier, das zum einen den Stunden des Tages und der Nacht sowie zum anderen den Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahres und den Namenstagen der Heiligen gewidmet ist.

Eine Weiterentwicklung des Breviers ist zum Ende des 14. Jahrhunderts das in Frankreich entstandene Stundenbuch.

Ein Stundenbuch ist im formalen Aufbau einem Brevier der Kleriker der römisch katholischen Kirche angelehntes Gebets- und Andachtsbuch zuerst für Laien, später aber auch für Kleriker.

Im Spätmittelalter avanciert es zum bevorzugten Andachtsbuch des reichen, lesekundigen Adels. Aber auch in Klöstern und Stiften werden Stundenbücher verwendet.

Ihre Blütezeit erreicht das Stundenbuch im späten 14. und 15. Jahrhundert in Frankreich und in Flandern, später auch in den Niederlanden und Deutschland.

Charakteristisch ist der oft aufwendige Buchschmuck der Stundenbücher. Kunsthistoriker sprechen daher oft von wahren Luxusobjekten.

Kernstück des Stundenbuches bilden ein marianisches und ein Totenoffizium.

Die Bezeichnung Stundenbuch kommt daher, dass Gebete – wie bei den Brevieren des Klerus – bestimmten Stunden des Tages zugeordnet sind, beginnend mit den Laudes um 3.00 Uhr. Ursprünglich begannen die Gebete sogar um Mitternacht mit der Matutin. Ab 6.00 Uhr werden im dreistündigen Rhythmus zur Priem, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet gebetet.

Ergänzend sind in den Stundenbüchern auch Cisiojaun-Merkverse enthalten, die bei der Datierung der beweglichen Feste im Kirchenjahr helfen.

Unser Vorsitzender Dr. W. Eckehart Spengler hat dem Heimatmuseum als Dauerleihgabe eine Faximileausgabe des „Offizium der Madonna“, des Stundenbuches des Jean Bourdichons, Vat.lat. 3781, zur Verfügung gestellt.

Es ist im Steinhaus im Zimmer „Vom frühen Mittelalter bis zum Beginn zur Neuzeit“ zu sehen.

Dieses Stundenbuch, das sich durch die strahlende Kraft der Farben und die Feinheit der Miniaturen besonders auszeichnet, zählt zu den schönsten in der Vatikanischen Bibliothek.

Leuchtende Bordüren in geometrischer Ausgestaltung, ein Charakteristikum der französischen Buchmalerkunst zum Ende des 15.Jahrhunderts, rahmen 17 Miniaturen.

Dazu zählen vier Evangelistenbilder, eine Darstellung Mariens mit dem Kind, ein Zyklus von sieben Szenen aus der Kindheit Jesu und der Krönung der Maria, der das Marien-Offizium begleitet, sowie Kreuzigung, Pfingstbild, David als Büßer und eine Darstellung Hiobs.

In diesem Werk leuchtet noch einmal – Übergang von der Spätgotik zur Renaissance – der ganze Glanz der französischen Miniaturtradition auf.

Durch eine Vielzahl von Zierinitialen wird der in brauner Tinte in gleichmäßig ruhigem Rhythmus geschriebene Text – eine Bastarda – weiter ausgeschmückt.

Der nachgebildete Ledereinband des Codex entspricht dem Original und ist mit einem Papst- und einem Kardinalswappen mit Ornamenten in Goldprägung geschmückt.

Dieses Kunstwerk stammt vom berühmten französischen Künstler und Buchmaler Jean Bourdichons und ist um 1478 in Tours entstanden.

Paul V. Borghese, Papst von 1605 – 1619, hat es nach 1605 der Vatikanischen Bibliothek übergeben. Sie wird zum Vorbild für die französische Buchmalerei des Spätmittelalters.

Jean Bourdichons wird zwischen 1457 und 1459 in Tours oder im Bourbonais geboren und stirbt in der 1. Hälfte des Jahres 1521 in Tours.

Berühmt wird er durch das Stundenbuch für Anne de Bretagne – entstanden 1500 – 1508 – Er ist einer der bedeutendsten Künstler der französischen Frührenaissance

Den französischen Königen Ludwig XI., Karl VIII. sowie Ludwig XII. dient er als Hofmaler. Von seinem künstlerischen Schaffen sind nur sehr wenige Werke erhalten.

(C.W. Müller)